Der böse Wolf

Mein Gedächtnis ist bisweilen ein reichlich ungenaues, unpräzises und fehlerhaftes Werkzeug. Selten gelingt es mir z.b Gesprächsverläufe detailliert wiederzugeben. Manchmal allerdings brennen sich Ereignisse mit ungewohnter Klarheit ein, so dass ich noch Jahre danach Details so präzise vor den inneren Augen und Ohren habe, als hätte ich es gerade erst erlebt. Eine dieser Erinnerungen ergibt jetzt erst anscheinend wirklich Sinn. Es begab sich im Sommer 1995, dass ich in Stralsund, wo ich damals arbeitete, in einer der plattenbebauten Vorstädte im Auto saß und mit meinem ersten Handy mit meiner damaligen Freundin und späteren Frau, Mutter meiner Kinder und noch späteren Exfrau telefonierte. Wir führten damals eine Fernbeziehung. Auf gut 650km Entfernung. Worum es in diesem Gespräch insgesamt ging, ist im Reich des Vergessen. Aber ein Teil drehte sich um eben unsere Beziehung. Wie weiterführen, wer zu wem, was bringt die Zukunft, etc. Irgendwann sind dann von meiner Seite die Sätze gefallen „Ich bin ein Wolf. Ein Einzelgänger. Das war ich schon immer. Ich brauche meine Freiheit, also sperre mich nicht in einen goldenen Käfig.“ Nun, sie hat es letztlich doch getan, bzw. ich habe mich stecken lassen. Der Rest war nur zu logisch. Die Ehe zerbrach an den Käfiggittern, spätestens nachdem der inzwischen zahme, zahnlose Wolf zum Nahrungsbeschaffer für die Brut degradiert wurde. Logisch eigentlich, dass er sich eine neue Gefährtin gesucht – und schnell auch gefunden hat. Diese Gefährtin begleitet den Wolf seither. Aber auch sie braucht ihre Freiheit, was sie ihm letztes Jahr dann unmissverständlich klar gemacht hat, sind doch beide zuvor beinahe der Trägheit des Alltages erlegen und haben sich selbst erneut in einen Käfig gesteckt. Was folgte, klingt abenteuerlich und so manche Beziehung wäre daran zerbrochen. Wir, so glauben wir heute, sind aber daran gewachsen. Seit fast einem Jahr nun gibt es im Leben der Gefährtin einen weiteren Gespielen. Einer, der sie auf eine Weise triggert und fordert, wie der Wolf es nie wirklich getan hat, nicht tun konnte, weil er lange vorher schon in einen tiefen Schlaf versunken ist. Der noch halb schlafende Wolf hat zwar versucht, Schritt zu halten. Hat versucht, das Territorium zu verteidigen und „seins“ vor dem Einfluss eines anderen Alpha zu beschützen, musste aber einsehen, dass ein Arrangement nützlicher war, als den Konflikt auszutragen und womöglich zu verlieren. Versuche des Wolfes, sich ebenso eine zusätzliche Gespielin zu erhaschen, sind in der Vergangenheit rasch gescheitert. Viel zu sehr war und ist er in seiner Loyalität zu seiner Gefährtin verhaftet, als dass er erwachen und sich voll auf eine Weitere hätte einlassen können. Bis, ja bis SIE ihm plötzlich und unverhofft über den Weg gelaufen ist: Die Tigerin! Er hatte bis dahin eine Gespielin gesucht, die sich ihm völlig unterordnet, die ihm ergeben ist. Aber der Wolf schlief ja immer noch halb, und die andere Hälfte beschäftigte sich mit seiner geliebten Gefährtin. Wie also sollte das auch gelingen? Die Tigerin aber begegnete dem Wolf auf Augenhöhe und forderte ihn heraus! Ebenso dominant und wild in ihrem Wesen, schafft sie es nach und nach, den schlafenden Wolf zu erwecken, das wilde Raubtier wieder ans Tageslicht zu holen. Er ist wahrlich sehr geneigt, sein Territorium auf sie auszudehen, auch sie als „seins“ zu erkennen und unter seinen Schutz zu nehmen. Wohlweislich ist der Wolf aber auf der Hut! Er sollte die Tigerin besser nicht in ihrer Freiheitsliebe beschneiden. Ein erneutes Dilemma also? Nein, wohl eher eine Herausforderung. Die Herausforderung, aus dieser Konstellation ein Rudel zu formen, wo sich jeder in Schutz und Geborgenheit sicher und komfortabel fühlen kann, wo alle seelischen und körperlichen Bedürfnisse befriedigt werden können, aber niemand eingeengt und in der Freiheit beschnitten wird. Kann so ein Rudel aus drei Dominanten und einer Submissiven funktionieren..? Ich hoffe es. Ich wünsche es sehr! Denn so sehr der Wolf niemals  seine  Gefährtin einfach so verlieren will, so wenig mag er wieder von der Tigerin ablassen! Was bringt die Zukunft? Wir wissen es nicht, denn die Zukunft ist unentdecktes Land. Lasst uns dieses Land gemeinsam erkunden. In Liebe und Geborgenheit, aber auch in Abenteuer und Wildheit! 

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