Formular A38 oder: Wie ich lernte, die Nadel* zu lieben

Heute habe ich mal einen Gastbeitrag für euch: Dörte** schreibt über ihre Odyssee, in Hamburg Impftermine für ihre Praxis für Physiotherapie zu bekommen. Ein interessanter Perspektivwechsel, der das Generalversagen unserer Behörden im aktuellen Impfchaos beleuchtet. Was bin ich froh, dass das bei Nicole und mir so unfassbar glücklich, zügig und reibungslos mit der Impfung geklappt hat. Aber lest selbst:


Heil|mit|tel|er|bring|er, die [pl] (abk: HME): Medizinische Hilfsberufe, die auf ärztliche Anweisung Dinge mit Menschen tun, die deren Leben verbessern sollen.
Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Podologen und Diätassistenten. Schlecht bezahlt, meist hochmotiviert weil mit Helfersyndrom ausgestattet, und immer dicht am Patienten. Dicht, wie in “unter 1,5 Meter”.
Von der Politik im Allgemeinen übersehen und ohne Lobby.
Die Krankenkassen mögen sie nicht, weil sie sich seit anderthalb Jahren wehren, für Beträge zu arbeiten, die 1995 vielleicht mal kostendeckend waren.
Durchschnittlicher Stundenlohn: 13,50€, im Osten manchmal unter 10€.

In der ersten Zeit der Pandemie wurden sie komplett vergessen. Irgendwie so gefühlt mit Arzthelferinnen gleichzusetzen, vielleicht aber auch nicht.
Was dazu führte, dass sie in der Teststrategie nicht erfasst wurden***, ergo nicht getestet wurden, ergo nicht die Pflegeheime betreten durften, um dort ihre Hausbesuche bei den Bewohnern zu absolvieren.
Die Praxen selbst wurden natürlich sehr wohl erfasst und verpflichtet, krankenhausähnliche Hygienekonzepte einzuführen. Immerhin werden ja Risikopatienten behandelt.
Bis heute dürfen Heilmittelerbringer nicht selbst testen und dies dann mit den Kassenärztlichen Vereinigungen abrechnen. Jeder Einzelne muss sich einen Arzt suchen, der bereit ist, ihn wöchentlich einem schlecht bezahlten Schnelltest zu unterziehen. Und das in der Arbeitszeit. Inklusive Weg.
Man arrangierte sich.

Logischerweise wurden die HME auch in der Impfverordnung vergessen. Wieder wurden sie auf Nachfrage gefühlt so ungefähr wie die Arztpraxen eingestuft, vielleicht aber auch nicht. Das Wort Heilmittelerbringer kommt in der Impfverordnung nicht vor, und so sind sie der Willkür der örtlichen Ämter ausgeliefert.

Mit der plötzlichen Verfügbarkeit des AstraZeneca-Impfstoffs wurde die Sache dann akut. (Vergl. hier, Anm.v.m.)

Ein Konzeptpapier der Impfkommision führt zum ersten mal auch die HME auf, und stellt sie mit dem Pflegepersonal gleich.
Da waren diejenigen HME, die in Heimen arbeiten, zwar schon alle geimpft, weil die Heime sie ganz pragmatisch mit ihrem anderen Personal zusammen angemeldet hatten, aber es gibt ja noch die vielen kleinen Praxen, die ambulant oder im Hausbesuch arbeiten. Diese durften sich nun freuen, war doch ihr Verband der Meinung, sie seien jetzt in der höchsten Prioritätsstufe und sollten sich zur Impfung anmelden.

(Durch einen unglücklichen Zufall konzentrierte die Politik sich genau in diesem Moment darauf, das Personal von Arztpraxen impfen zu lassen und eine unbekannte offizielle Stelle verschickte Mails mit Vermittlungscodes an ausgewählte (oder vielleicht auch alle) Arztpraxen, mit deren Hilfe sich das Personal zur Impfung anmelden sollte.)

Plötzlich war die Hotline erreichbar. Keine Warteschleife, nach 10 Sekunden ein echter Hotliner am Apparat, und das Abenteuer begann.

Ich: Guten Tag, mein Name ist Dörte von der Praxis XY. Ich möchte gern unsere Mitarbeiter zur Impfung anmelden.
Hotliner: Welche Praxis? Haben Sie denn das Schreiben vorliegen?
Ich: … nein, unsere Mitarbeiter, wissen Sie, wir als Physiotherapeuten sind ja nach § 2 Abs. 1 Ziffer 3 der neuen Impfverordnung der höchsten Stufe zugeordnet. Ich möchte gerne unsere Mitarbeiter anmelden.
Hotliner: Nur wenn Sie ein Schreiben haben, in dem ein Vermittlungscode ist, und Ihre Praxis auf meiner Liste steht.
Ich: Oh. Und wie bekomme ich das?

Hier beginnt nun eine virtuelle Reise, die bisher noch nicht beendet ist, aber bereits epische Ausmaße angenommen hat. Ein Auszug:

Der Vermittlungscode, ohne den gar nichts geht, wird von der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg versendet, sagt der Hotliner.
Anruf KVH #1: Nein, die KVH hat keine Schreiben versendet. Man wissen auch nichts von irgendwelchen Schreiben oder einer Liste. Für das ganze Impfprocedere ist die Gesundheitsbehörde zuständig.
Welche genau?
“Na, die Gesundheitsbehörde. Könne Sie ja googeln.”

Anruf Gesundheitsamt #1: Nein, die Gesundheitsbehörde ist da nicht zuständig. Das läuft alles über die 115116.

Anruf 115116: Kein Anschluss unter dieser Nummer.

Anruf Gesundheitsamt#2: Jaa, die KVH sagt immer dass wir das machen! Aber das stimmt nicht, da müssen Sie sich mit der Beratung von der 116117 auseinandersetzen.

Anruf beim Verband #1: Ja, wir wissen von dem Zustand, aber wir haben auch keine Idee mehr. Natürlich sind Sie berechtigt, aber wie Sie einen Termin kriegen müssen Sie selbst lösen. Wissen Sie was, ich ruf mal meinen Chef an. Kann ich Sie zurückrufen?

116117, Beratungshotline: Ja, ich weiß auch nicht, natürlich sind Physiotherapeuten auch berechtigt, ist ja auch logisch. Rufen Sie bitte nochmal hier an, drücken dann aber die 1. Dann kommen Sie zu einem Mitarbeiter, der Ihnen den Termin gibt. Dochdoch, glauben Sie mir!

Anruf 116117, Terminvergabe #2: Plötzlich kann ein Termin gemacht werden. Dauer knapp zehn Minuten. Dann: Aber es tut mir leid, für den nächsten Mitarbeiter müssen Sie neu anrufen. Oder ich stelle Sie zum Gruppenservice durch, Sie haben ja das Schreiben vorliegen?
Neinnein, ich rufe wieder an!

Anruf Terminvergabe #3: Datenaufnahme, dann plötzlich: Oh, mein Rechner spinnt gerade, können Sie auflegen und wieder anrufen? Nein, Sie können nicht warten, mein Telefonprogramm hängt am gleichen Rechner, tut mir leid.

Anruf Terminvergabe #4: Nein, ohne Schreiben kriegen Sie keinen Termin von mir, da könnt ja jeder kommen. Das verschickt die KVH. Die sagen, sie tun das nicht? (hier wurde der Tonfall auf der einen Seite rotzig und auf der anderen laut) Ja, vielleicht haben die ja auch Datenschutz, da könnte ja jeder anrufen fragen, was für Briefe ich versendet habe.

Anruf Bezirksamt #1: Ja, diese Klagen höre wir oft, es tut mir wirklich leid, wir kennen das Problem, aber die Termine vergibt die 116117. Das Schreiben, ja, davon hab ich noch nie was gehört, keine Ahnung. Aber wissen Sie was, ich leite das mal an die Corona-Intendanz weiter, die können Ihnen bestimmt helfen. Nein, da können Sie nicht anrufen, die haben nur eine Mailadresse, damit sie in Ruhe arbeiten können, aber die melden sich zeitnah. Ja, was heißt zeitnah, was heißt zeitnah, heute vermutlich nicht mehr.

Anruf Verband #2: In S-H hab ich nichts erreicht, die haben das gleiche Problem, das ist alles so undurchsichtig und chaotisch, da weiß keiner mehr Bescheid. Ich ruf aber gleich nochmal in Niedersachsen an, wie die das lösen.

Anruf Bezirksamt #2 Nein, wir können da wirklich nicht weiterhelfen, aber ich versteh Ihr Problem, wissen Sie was, ich geb Ihnen mal die Nummer von der Bezirksamtleiterin, vielleicht kann die was bewegen.

Auruf Bezirksamtsleiterin: Mailbox.

Nur so aus Spaß mit dem Ziel, einen Hotliner anzuschreien und ein bisschen Dampf abzulassen: Anruf Terminvergabe #5: Ja klar, machen wir, wie ist denn der Vorname? 10 Minuten später Termin gemacht, ich frage: Können Sie mir nicht doch noch die anderen Termine auch geben? Er: nein, aber ich probier mal was. Wie ist denn Ihre Handynummer? Dann ruf ich Sie zurück.
Da ich mittlerweile wirklich dringend pinkeln muss, lasse ich mich darauf ein.
Nach 5 Minuten klingelt tatsächlich das Handy, der nächste Termin wird gemacht. Auflegen und 5 Minuten später das gleiche Spiel nochmal.

Am Ende haben alle Mitarbeiter einen Termin in den nächsten fünf Tagen bekommen, der erste direkt morgen.
In der Bestätigungsmail steht extra, dass die Terminvergabe keine Impfung garantiert, dass die endgültige Entscheidung vor Ort getroffen wird.

Ganz ehrlich, ich fühle mich verarscht!
Wir haben jeden verfickten einzelnen Tag dieses und des letzten Lockdowns unsere Patienten versorgt. Habe für unsere Hygienebemühungen 15ct pro Behandlung von den Kassen bekommen. Brutto!
Wir arbeiten täglich mit Senioren, Hochrisikopatienten, die ganze Bandbreite. Sind eine halbe Stunde oder länger mit denen auf Tuchfühlung.

Werden aber nicht geimpft, weil wir erst vergessen werden und dann das System nicht flexibel genug ist, Versäumnisse zu korrigieren.

Letzte Woche gab es einen Corona-Ausbruch in einer Praxis im Westen von Hamburg. 5 Mitarbeiter und 6 Patienten infiziert, 400 Menschen in Quarantäne. Praxen sind potentielle Hotspots.****)

Ich bin wirklich gespannt, ob unsere Mitarbeiter ab morgen die Impfung bekommen, oder ob sie wieder weggeschickt werden.
Immerhin müssen ja jetzt in Hamburg auch Polizisten, Lehrer und Erzieherinnen bevorzugt geimpft werden. Stand zumindest gerade in der Zeitung.*****)


*) Eigentlich hat Dörte eine Nadelphobie, was für sie natürlich blöd ist, mir aber als ihrem Sadisten ungeahnte Möglichkeiten beschert. Aber auf diese spezielle Nadel im Arm freut sie sich ganz besonders. Sagt sie…

**) Name auf Wunsch geändert.

***) Übrigens gibt es so etwas wie eine Teststrategie für den Rettungsdienst bis heute nicht! Wir fahren munter jeden Tag etliche Menschen herum, betreten Pflegeheime, Arztpraxen, Krankenhäuser und Privathaushalte am laufenden Meter, und werden routinemäßig exakt NULL mal getestet. Dafür dürfen (müssen) wir aber zum Ausgleich jeden Kundenkontakt mit FFP2-Maske abwickeln (was ich aktuell schon aus Selbstschutz tun würde), und sind in der ersten Impfwelle mit drin. Gleichgestellt mit Pflegeheimbewohnern, über-80-Jährigen und Intensivpflegepersonal. Also unserem Hauptklientel. Was mich übrigens trotzdem bis heute wundert…

****) Update 1: Am 23.2. abends um 21:30 Uhr waren es dann 20 Infizierte.

*****) Update 2: Der erste Mitarbeiter der Praxis wurde heute am Nachmittag des 24.2.2021 endlich mit der ersten Dosis AstraZeneca geimpft! Ich verweise übrigens nochmal auf den im Text von mir verlinkten Kommentar des Spiegels zum Thema Impfchaos.

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1 thoughts on “Formular A38 oder: Wie ich lernte, die Nadel* zu lieben

  1. ****) Update 3: Die zweite Mitarbeiterin gestern musste von der Anmeldung aus ihren Chef anrufen, der dann bestätigte, dass sie wirklich Kontakt mit Patienten hat weil, so ein Schreiben das lässt sich ja ganz leicht fälschen.
    Der dritte Mitarbeiter wurde heute wieder weggeschickt, weil Physiotherapeuten noch nicht dran sind.
    In S-H können diese sich aber seit heute problemlos anmelden, und weil das Anmeldeformular noch nicht geändert ist, sollen sie ankreuzen, dass sie im Testzentrum arbeiten, um einen Vermittlungscode zu bekommen.
    Darüber kann man sich jetzt seine Gedanken machen, oder man lässt es lieber 🙁
    Viele Grüße von Dörte

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