Spaziergang mit Tigresse – Teil 2

Cash machine

Wir gingen also die Reeperbahn hinauf vom Beatles Platz in Richtung Millerntor. Eine Aufgabe, die ich im Sinn hatte, war in der Boutique Bizarre Karten für eine der größten Fetisch- und SM-Partys der Stadt, der “Extravaganxa” zu besorgen. Aber dafür benötigten wir Geld. Ich hielt also Ausschau nach einem geeigneten Geldautomaten, was nicht ganz einfach war. Zwar gab es auf der Strecke wirklich mehr als genug davon, aber wir brauchten für das, was ich vorhatte, ein klein wenig mehr Privatsphäre. Denn natürlich sollte Tigresse das Gerät blind bedienen, wozu sie meiner Anleitung bedurfte. Und dazu mochte ich natürlich den Rücken möglichst frei haben.
Eigentlich wollte ich für unseren Spaziergang ein Cover dabei haben. Man weiß ja doch nie, was einem für Spinner begegnen. Ich habe diesen speziellen Stunt bislang auch noch nicht gemacht, und wäre gerne auf Nummer Sicher gegangen. Aber natürlich hatte ich niemanden für diese Uhrzeit gewinnen können. Was blieb mir also übrig, als die Sache entweder alleine durchzuziehen oder den Schwanz einzukneifen und alles abzublasen. Das kam natürlich überhaupt nicht infrage.
Wer schon mal auf der Reeperbahn unterwegs war, weiß, dass normalerweise vor so ziemlich jeder Tür ein Schlepper steht und Leute versucht in den Laden zu schnacken. Manchmal entspinnen sich mit diesen Originalen witzige Dialoge, aber oft nerven sie mich bloß auf meinem Weg “irgendwohin”, obwohl sie einfach nur ihren Job machen. Das Gute ist, wenn man mit einer Sub an der Leine oder sonstig erkennbar als “Perverser” unterwegs ist, wird man meist in Ruhe gelassen. Trotzdem hoffte ich auf ein paar witzige Wortwechsel zur Auflockerung. Heute jedoch Fehlanzeige, denn die meisten Bars und Clubs hatten noch gar nicht auf oder rechneten noch nicht mit Laufkundschaft. Indes konnten die Tigerin und ich uns langsam in das Führen und Geführt werden hineinfinden.
Der erste Automat, der von der Positionierung her passte, gefiel mir nicht. Der Kartenschlitz sah mir irgendwie seltsam aus. Als hätte irgendjemand ein zusätzliches Modul davorgeflanscht. Ich wollte kein Risiko eingehen, dass irgendein Spitzbube meine Kartendaten per RFID abgreift. Also weitergehen. Dann lieber den Automaten der Haspa Ecke Hein-Hoyer-Straße. Der liegt zwar richtig offen an der Straße, aber quasi in Sichtweite der Davidwache – und der Punks, die eigentlich dort immer logieren und nach Kleingeld für Gras, Alkohol und manchmal auch was zu Essen nachfragen, meist mit irgendeiner witzigen Aktion verbunden.
Ich zog meinen Kartenhalter aus der Hosentasche, schob die Kreditkarte heraus, reichte diese an Tigresse weiter und wies sie an, diese in den Kartenschlitz zu stecken. “Wie jetzt?”, war ihre Antwort.
“Wir wollten doch auf die “Extra”, also müssen wir Karten besorgen. Dafür brauchen wir Geld, welches Du jetzt aus diesem Automaten ziehen wirst.”
Allein das richtige Einführen der Karte erwies sich schon als erste Fummelei des Tages. Man hat gemerkt, dass die Tigerin in der Vergangenheit eher geführt hat, als sich führen zu lassen. Und man hat gemerkt, dass ich mich in der Vergangenheit lieber auf mich selbst verlassen habe, als andere verbal anzuleiten. Also sanfte Nachhilfe. Hier ist der Schlitz, Karte drehen, richtig herum, ja, rein da! Die Anweisungen auf dem Display habe ich der Einfachheit halber dann doch selbst befolgt. Die Eingabe der PIN wird verlangt. “Such das PIN-Pad auf!” Der Mensch ist primär visuell veranlagt. Und wenn dieser Sinn wegfällt, man in einer ungewohnten Umgebung gewohnte Dinge erledigen soll, dann werden einfachste Dinge sehr schwer. Ich führe ihre Hand zur Tastatur. “Such die “Fünf” auf.” Die ist ja für gewöhnlich etwas hervorgehoben, so das haptische Eingaben problemlos möglich sind. Und trotzdem tat sie sich enorm schwer. Links, rauf, rechts, runter. Hätte ich ihr jetzt einfach die zu drückenden Zahlen genannt, die drei Fehlversuche währen wohl in kürzester Zeit weg gewesen! So rattert die Maschine, und kurz darauf zieht sie das Geld aus dem sich öffnenden Fach, welches sie mir dann reicht. Ich stecke es ein und wir gehen weiter in Richtung Boutique.

Eine neutrale Tüte bitte!

Das Interessanteste, wenn man als “Perverser” in einer einer solchen D/s-Situation in der Öffentlichkeit unterwegs ist, ist dass man die Menschen, die einem begegnen verwirrt. Selbst an einem Ort wie der Reeperbahn. Man zieht Blicke auf sich, was natürlich nicht ganz ungewollt ist. Die Reaktionen hier reichen von eben reiner Verwirrung über Belustigung bis hin zu Zustimmung und unverholener Bewunderung, wofür genau auch immer. Auf offene Ablehnung stoßen wir hier auf der Straße aber nicht mehr. Und so finden wir immer mehr in unsere Komfortzone hinein. Wir unterhalten uns ganz normal über alle möglichen Themen, ich beschreibe Tigresse aber auch ein paar der Reaktionen, die wir ernten. Sie lächelt, denn genau wie ich spielt sie gerne in und mit der Öffentlichkeit. Ich bin mir sicher, zu gerne würde sie jetzt die Gesichter der uns entgegen kommenden Leute sehen. Darf sie aber nicht..!
Kurz darauf stehen wir dann vor “der größten Erotik Boutique Europas”. Tatsächlich ist es jetzt meine Nervosität, die ein klein wenig ansteigt, denn hier hatten sowohl Nicole und Tom, als auch schon Jahre zuvor Tigresse und ihr Ex schlechte Erfahrungen gemacht. Man stelle sich das vor! Aber egal, wir wollten ja nur Karten. Also rein in den Laden und zielsicher die Treppe ins Untergeschoss angesteuert. Man grüßt von der Kasse her freundlich, niemand hält uns auf, alles gut! Also runter in die BDSM- und Fetischabteilung. Ihre rechte Hand nehme ich ans Geländer, die Linke unter dem Arm her in meine Hand geht es Stufe für Stufe in den “Folterkeller”. Na gut, wenn man geradeaus geht, wäre da auch noch die Wäscheabteilung vornehmlich für Vanillas, aber da lag nicht unser Ziel. Die Vitrinen mit dem Edelfetischkram links liegen lassend, gehen wir direkt durch den Durchgang Richtung Kasse. Zu gerne hätte ich die Tigerin durch die “Spielzeugabteilung” gescheucht, aber ausprobieren ist ja aus hygienischen Gründen eh nicht und wir hatten ein klares Ziel. Ich positionierte sie also vor dem Tresen, gab ihr ausreichend Geld in die Hand und trug ihr auf, sie möge drei Karten für besagte Veranstaltung kaufen. “Ja, drei.” Leider nur drei, aber Tom werden wir wohl auf lange Zeit noch nicht zu einer von so vielen Menschen besuchten, eher tanzlastigen Party bekommen. Wo das Ausleben von D/s fast unmöglich und SM-Spiel echt verdammt schwer ist. Aber die Atmosphäre auf diesen Partys ist trotzdem fast immer höchst anregend. Und wo ein Wille ist, ist meist auch irgendein Gebüsch. Oder Strafbock. Oder eine Swing…
Egal … Die Menschen hinter der Theke gingen ihrer Arbeit nach. Wir sind hier nicht wirklich etwas Besonderes. Ein bisschen Small Talk entwickelte sich, als dann noch eine weitere Person den Bereich hinter dem Kassentresen betrat – Candy Bukowski, die langjährige Mitarbeiterin der Boutique Bizarre und Autorin des Buches “Eine neutrale Tüte bitte! – Menschen im Sexshop”. Sie erfasste die sich ihr bietende Szene und grinste instant im Kreis! Na, mal sehen, ob wir womöglich in einer Ausgabe Zwei der “neutralen Tüte” einen Auftritt bekommen.
Tigresse nimmt die Karten entgegen und reicht sie mir zum Verstauen. Wir wenden uns zum Gehen, durch den Durchgang, Vierteldrehung nach Links, Stufe für Stufe der Straße entgegen.

Verdammt, der Schuh schlappt!

Schon auf dem Weg zur Boutique Bizarre bemerkte die Tigerin, dass sie zunehmend aus dem rechten Pumps rutscht. Die Dinger waren eine halbe Nummer zu groß, also hat sie Fersenhalter dort hineingeklebt. Und einer eben dieser verabschiedete sich nun. Es galt also zügig Ersatz zu besorgen. Wie gut, dass ein paar hundert Meter weiter ein Drogeriemarkt ist, wo wir schnell Ersatz bekommen. Mitten auf dem Millerntorplatz dann erfolgt der “Einbau” des Ersatzteils; eine Aufgabe, die natürlich an mir, dem Sehenden hängen bleibt. Allerdings bietet sich mir da noch eine wunderbare Gelegenheit zur Präsentation meiner Submissive, zu deren Füßen ich jetzt hocke. Mancher mag jetzt hier einen Widerspruch zum Rollenbild sehen. Ich absolut nicht. Gleichzeitig kann ich noch die Fußmanschetten anbringen, die bis jetzt noch im Rucksack verwahrt geblieben sind. Kurzzeitig erwäge ich noch den Einsatz von Ketten an den Füßen, quasi als Level up, verwerfe den Gedanken aber wieder. Das Sturzrisiko ist mir dann doch zu hoch.
So langsam schlägt bei uns beiden der Hunger zu. Ich überlege, wonach mir der Sinn steht und erinnere mich an das kleine Vietnamesische Restaurant auf der Kleinen Freiheit, wohin Nicole und ich vor noch gar nicht so langer Zeit von Eve eingeladen wurden. Pho geht immer. “Blöd” nur, dass die Kleine Freiheit nun wieder ganz am anderen Ende des Kiezes liegt. Ich grinse innerlich, als wir uns auf den Weg machen.
Zwischenzeitlich kamen leise Einwände von wegen “Suppe mit verbundenen Augen essen ist maximal doof!”, lasse das aber erstmal unkommentiert im Raum stehen.
Es sollte dann zwar Suppe werden, aber keine Pho. Und sie durfte ohne Augenbinde essen und auch den restlichen Weg dann zwar angeleint, aber wieder sehend zurücklegen.
Das aber lest ihr genau wie die Begegnung mit “Carl (oder Karl?) from London” in Teil 3…

(Fortsetzung folgt…)

 

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