Vier in einer Reihe – oder der Abend in der Gay-Sauna

Ich bezeichne mich normalerweise als einen Menschen mit eher pansexueller Orientierung. Das heißt, mir ist das gefühlte, gelebte oder tatsächliche Geschlecht meiner Sexualpartner grundsätzlich erstmal schnurzegal. Ich habe auch von Zeit zu Zeit derbes Kopfkino, welches Sex mit dem gleichen Geschlecht oder Menschen mit Transidentität beinhaltet. Das völlig ungeachtet der Tatsache, dass der überwiegende Teil meiner realen Sexualontakte dann doch heteronormativ ablief, und ich mir eine Lebenspartnerschaft mit z.b. einem Mann zur Zeit nicht vorstellen kann. Kinsey hätte mich auf seiner Skala vermutlich irgendwo bei 1, höchstens 2 einsortiert, und ich bin damit glücklich und zufrieden. Auf jeden Fall kann ich behaupten, dass ich das Gegenteil von Homophob bin. Das nur mal eben vorweg.

An einem Tag in der Woche hat eine durchaus nicht unbekannte Gay-Sauna in einer nicht ganz kleinen Stadt im Norden Deutschlands einen so genannten “Mixed Day”. Quasi das Pendant zum Damentag in jeder normalen Sauna. An diesem Tag haben halt auch Biofrauen, Bi- und Heteropaare Zutritt zur Sauna. Seit einiger Zeit wird dieses Event auch auf der, wie die Seitenspringerin sie nennt, “Rirarammelseite” gelistet. Mit schöner Regelmäßigkeit melden sich zu diesem Mixed Day uns aus der hiesigen BDSM-Szene Bekannte an. Klar, dass da irgendwann mal die Neugier wächst. Vergangenen Donnerstag sind wir also da hin. Nur mal gucken, frei nach dem Motto “alles kann, nichts muss”. Wir, das waren in diesem Fall Nicole und ich. Eine Wiederholung mit Tigresse steht grundsätzlich noch aus. Allerdings ist uns etwas widerfahren, was mich etwas aus der Komfortzone geschubst hat, und worüber ich noch einige Zeit nachgedacht habe. Aber von Anfang an…

Da standen wir nun vor der eher unscheinbaren Tür in einer Nebenstraße mitten in Hamburgs Gay Area. Witzigerweise lief uns direkt mal einer der Bekannten in die Arme. Seine Spielpartnerin würde schon drinnen warten, sagte der Mensch an der Kasse. Sehr gut! Schon mal nicht ganz alleine auf unbekanntem Terrain. Der Wohlfühlfaktor stieg also schon mal. Der Typ an der Kasse gab uns zwei Spindschlüssel. Handtücher inklusive, und am Mixed Day gibt es sogar extragroße Saunatücher für die Damen. Sehr aufmerksam! Oder wollen die wirklich ansehnlichen Jungs hinterm Tresen einfach nicht permanent auf Titten gucken müssen? Man weiß es nicht… 😀 Der Umkleidebereich ist natürlich offen. Man kann zwar private Einzel- oder Doppelkabinen bekommen, das kostet aber Aufpreis. Dafür hat man später aber auf jeden Fall eine Rückzugsmöglichkeit. Wir entscheiden uns erstmal für die einfache Variante mit Spind. Danach erstmal ein Rundgang durch das Obergeschoss. Den Cruisingbereich im Keller heben wir uns für später auf. Nach mehrstündiger Autobahnfahrt, wir kamen ja gerade aus dem Ruhrpott zurück, waren Klo und Dusche obligat. Was bis dahin auffällt: Natürlch gibt es in einer Gay Sauna üblicherweise keine Toiletten für Frauen! Eine Kabine wurde aber mittels eines aufgeklebten Schildes kurzerhand dazu gemacht. Auch mal ganz pragmatisch gelöst. Wirklich stören dürfte das hier wohl niemanden. Nächste Erkenntnis: Nicht alle Gays sind (hier) wie aus dem Modellathletenkatalog. Und mein Schwulenradar hat hier eine arge Funktionsstörung! Normalerweise habe ich ein ganz gutes Gespür dafür, wer straight, schwul oder zumindest einen Hauch von Bi ist. Hier versagt dieses Gespür relativ deutlich. Normalerweise, so sollte man annehmen, sind hier ja alle Männer zumindest Bi; auch am Mixed Day. Der “normale” mindestens latent homophobe Hetero-Mann würde ja wohl keinen Fuß hier hereinsetzen. Aber es sind halt eben auch Paare anwesend. Manche sehr offensichtlich aus der Swingerszene. Über deren Motivation für die Anwesenheit und deren sexuelle Ausrichtung kann man nur spekulieren. Zumindest ließ sich weder aus deren Verhalten, noch aus den gehörten Gesprächsfetzen entnehmen, dass sie irgendwie anders als auf “Hete” gepolt waren. Wir indes gingen erstmal in die finnische 90°-Sauna. Außer uns waren noch zwei, drei Männer. Einer davon, groß, breit, rasierter Schädel, reichlich tätowiert und einen verchromten Cockring am durchaus beeindruckenden Schwanz. Welchen er wichste. Während er den Typen links neben mir anglotzte. Dieser reagierte vorsichtshalber mal nicht auf diese sehr eindeutigen Avancen. Er wichste! Na toll!! Dieses Verhalten kennen wir ja nun zur Genüge aus der Swingerszene. Wenn du dich mit deiner Partnerin irgendwo vergnügst, und du plötzlich ein Rudel wichsender Männlein am Arsch kleben hast… Ich bin selbst durchaus sehr voyeuristisch veranlagt. Aber noch nie, einfach noch NIE habe ich es gewagt, oder auch nur für nötig befunden, meinen Schwanz in die Hand zu nehmen, wenn ich eine erotische Szene beobachtet habe. Im Gegenteil habe ich noch nie verstanden, warum Mann das macht! Meine Partnerinnen hat dieses Verhalten übrigens auch stets eher abgestoßen. Noch nie, wiklich noch absolut NIE habe ich oder haben wir es auch nur in Erwägung  gezogen, einen dieser armseligen Wichser in unser Spiel mit einzubeziehen Sei es, weil uns der Schwanz so gut gefällt, oder aus Mitleid, weil wir befürchteten, dass das arme Schwänzchen sonst vielleicht ganz wund gerubbelt werden würde. Aber oft genug hat diese Aufdringlichkeit dazu geführt, dass wir Aktionen abgebrochen haben, oder Locations oder Partys nicht mehr besuchten. Leider schwappt dieses Verhalten seit einiger Zeit auch in die BDSM- und Kinky-Szene herüber. Und jetzt also auch hier. Es scheint also ein angeborenes Verhalten der männlichen Vertreter der Spezies Homo Sapiens zu sein. Zumindest einer nicht unerklecklichen Anzahl derer. Mir völlig unerklärlich. Schon bald machten wir den nächsten Wichser aus. Diesmal verzichte ich auf die Beschreibung. Nur soweit, dass sein BMI deutlich über 35 gelegen hat. Und das lag diesmal nicht an der Muskelmasse. Dass er überhaupt sein Schwänzchen gefunden hat, lag wohl an dem ebenfalls getragenen Cockring. Schade, ich persönlich hatte mir was erheblich ästhetischeres hier vorzufinden vorgestellt! Naja…

Wir setzen uns nach dem ersten Gang mit unseren Bekannten an einen Tisch, tranken ein alkoholfreies Bier und schnacken. Er erzählt ein bisschen über die Location und darüber, wie er jetzt auch ins Shibari einsteigt. Sie erzählt, wie sie sich hier überhaupt erst kennen gelernt haben. Spannend! Wir kennen sie halt aus einem ganz anderen Kontext. Aber “immerhin” trägt sie hier auch ganz wie gewohnt und selbstbewußt ihren nicht ganz unauffälligen Edelstahlhalsreif und die Spuren der letzten Session mit ihrem Partner. Auch hier “eskalieren” sie von Zeit zu Zeit, verrät sie schmunzelnd. Mir gegenüber in der Sitzecke sitzt eine junge Frau, sehr schlank, mit zwei Typen. Der Eine offensichtlich afrikanischer, der Andere vermutlich nahöstlicher Abstammung. Spannender Mix! Sie unterhalten sich auf Englisch, wenn ich das richtig mitbekomme. Zwischendurch verschwinden sie Richtung Keller. Wir hingegen entscheiden uns dafür, uns einmal das “Erlebnisdampfbad mit Labyrinth anzugucken. Tür auf, hineingehen. Hm, ziemlich wenig Dampf für ein Dampfbad. Und sehr kühler Dampf dazu. Aber groß ist der Raum, ziemlich dunkel und ziemlich verwinkelt. Ah ja, Erlebnislabyrinth, genau. Wir entscheiden uns, uns zunächst einfach mal auf eine der Bänke zu pflanzen – und stellen fest, dass wir instant einen Schwall Männer mit hineingezogen haben! Diese, und jetzt wird es echt hart, stellen sich in einer Reihe vor uns auf – und fangen an Mütze-Glatze zu spielen! Sie fassen sich ungeniert an ihre Zipfel und bewegen rhythmisch die Vorhaut hin und her! Sie wichsen! Onanieren! Masturbieren! Schütteln sich einen von der Palme! Und der Hammer dabei ist – wir haben ja noch gar nichts gemacht! Wir sind bloß in den Raum gegangen und haben uns hingesetzt. Man wichste uns/Nicole/mich quasi schon in Erwartungshaltung an. Wir waren eine lebende Wichsvorlage! Ich muss gestehen, dass ich in diesem Moment komplett außerhalb meiner Komfortzone war. Ich konnte in diesem Augenblick nicht wechseln, was da passierte. Aber ich konnte in genau diesem Augenblick verstehen, was in Frauen vorgeht, denen in einem Club genau das passiert. Hier passierte es uns beiden. Eine klar nicht einvernehmliche einseitige sexuelle Handlung, der wir uns nur durch “Flucht” entziehen konnten. Der Fluchtreflex setzte zuerst bei Nicole ein. Ich war noch sehr um meine Souveränität und Kontrolle der Situation bemüht, während sie einfach nur noch raus wollte. Nichts aber wäre in dieser Situation so fatal gewesen, wie eine deutlich nach außen transportierte Uneinigkeit, also sind wir raus. Was also war das denn bitte jetzt? Ich frage euch jetzt mal, liebe Leser, warum zur Hölle können so furchtbar viele Männer nicht vorher Kontakt aufnehmen, kommunizieren und verhandeln, wenn sie mit irgendjemandem sexuell aktiv werden wollen? Und wenn sie das schon nicht tun, weil ihnen vielleicht der Mut fehlt, oder warum auch immer sie nur zugucken wollen, warum können sie dann nicht einfach nur diskret und auf angemessenem Abstand genau das tun. Zugucken, und dabei einfach mal die Griffel von ihrem Pillermann lassen? Vielleicht könnt ihr mir diese Frage ja mal beantworten. Wäre schön…

Der Rest des Abends ist recht schnell erzählt. Wir haben unsere Souveränität schnell wiedergewonnen. Zwei weitere Gänge in der 90°-Sauna trugen zur Entspannung bei. Wir haben den Cruising-Bereich zumindest oberflächlich erkundet, wurden aber nicht mehr aktiv. Auch wenn wir nochmal ein eindeutiges, diesmal tatsächlich verbal vorgetragenes Angebot bekamen. Zu empfehlen ist definitiv das Club Sandwich (Hihi, Wortspiel!). Ich hatte noch eine nette Unterhaltung mit einem jungen Mann nordafrikanischer Abstammung, der zwar dem Barpersonal gut bekannt, aber auf gar keinen Fall schwul oder bi sei. Sein Bruder sei schwul, das wäre völlig ok, aber er wäre straight. Aber meine Lady wäre sehr attraktiv. Ja, danke… 😀 Trotzdem bin ich mir sicher, dass er mit uns beiden gespielt hätte, hätten wir noch Lust darauf gehabt.

Fazit: Eine insgesamt interessante Erfahrung in doppelter Hinsicht. Ich bekam am eigenen Leib eine Lehrstunde in toxischem männlichen Verhalten, wenn man das so nennen kann. Und wir haben eine Location erkundet, die zwar sicher nicht zu unserem zweiten Wohnzimmer wird, aber mal eine interessante Abwechslung bieten kann. Wenn man sich dessen bewußt ist, was einen so erwarten kann.

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