A letter from Embühren (Teil 1)

Als wir im Februar 2017 unsere ersten unbeholfenen Gehversuche in Sachen Bondage gemacht haben, hätten wir nie geahnt, welche Begegnung wir nur gut zweieinhalb Jahre später machen würden. Um die Bedeutung dieser Begegnung richtig einordnen zu können, muss ich etwas weiter ausholen. Bondage kann man auf viele Arten betreiben. Naheliegend für Europäer wäre ja das Western Style Bondage. Das aber basiert im Grunde weitenteils auf der traditionellen japanischen Fesselkunst, dem Shibari (縛り), welches analysiert, reverse engineert wurde, und sich von da aus eigenständig entwickelte. Dies erschien uns aber quasi “entseelt”, was für uns alleine auf Fotos (eben nicht) transportiert wird. Warum sich also nicht dem Original widmen? Außerhalb Japans hat sich in den letzten Jahrzehnten eine lebendige und wachsende, japanisch inspirierte Bondageszene etabliert, und so war es nicht schwer, auch in unserer Nähe, in Hamburg, eine Fesselschule zu finden. Gesagt, getan, angemeldet, hingegangen, gestaunt, nix gerafft.
Damals, so dachten wir, hatten wir mit dem “perversen Zeug”, diesem BDSM nix am Hut. Klar, wir waren ja schon immer irgendwie anders, irgendwie aufgeschlossener, aber SM? Hauen? Dieser komplett abgedrehte Kram, den man schon mal in Pornos so gesehen hat? Dieses Dominanz-und-Unterwerfungs-Ding? Schmerzen? Neeee, das sind wir nicht! So unsere Antwort damals. Wir, so bekräftigten wir damals vehement, interessieren uns eigentlich nur für die Ästhetik, für die Fotografie. Diese Bilder von den hübsch, und anmutig vertüdelten Frauen, seltener Männern, die verzückt und abgespaced in die seltsamsten Positionen gebracht auf dem Boden liegend oder hängend gar. Jo, das wollten wir. Das wollte ich als Hobbyknipser. Also warum nicht gleich lernen, wie das geht. Kann ja so schwer nicht sein! Äh… Doch. War es doch! Was unter anderem dazu führte, dass wir es nach den ersten paar Stunden erstmal wieder sein gelassen haben.
Aber nu ja, wenn man erst einmal mit sowas angefixt ist, dann bleibt man neugierig. Irgendwann viel später im Jahr gingen wir wieder hin. Inzwischen war bei uns auch so beziehungstechnisch einiges passiert, was das Thema Bondage jetzt irgendwie doch auch für uns eben um diesen Aspekt des “Perversen” bereicherte. Trotzdem sollte es noch ziemlich lange dauern, bis ich aus dem Stadium des uninspirierten Herumknüpperns auf technischer Basis herauskam…

Lange Rede, kurzer Sinn. Die Fesselschule, für die wir uns damals entschieden, unterrichtete im Wesentlichen angelehnt an den in der westlichen Welt wohl am weitesten verbreiteten Stil, der Osada Ryu. Dieser Stil ist benannt nach seinem Schöpfer Osada Eikichi (長田英吉, 1925-2001) und wurde von seinem einstigen Schüler und Erben, Osada Steve (長田スティーブ), einem gebürtigen Berliner zu einem umfassenden und überprüfbaren Lehrsystem weiterentwickelt.
Und eben dieser Osada Steve, welcher es als “Langnase” tatsächlich geschafft hat, in Japan Fuß zu fassen und sich einen Namen als Bakushi, als professioneller Fesselkünstler zu verdienen, so wurde uns das schon um Weihnachten 2018 herum angekündigt, sollte jetzt nach Hamburg kommen! Im Laufe des Frühjahres wurden mehr Details bekannt. So sollten diverse Stunden Workshop und Privatunterricht angeboten werden. Uns war schnell klar, dass es für uns auf Privatunterricht hinauslaufen wird, wenn wir so viel Benefit wie Möglich daraus ziehen wollen. Also haben wir mal eben tief in den Sparstrumpf gegriffen und uns gleich zwei Doppelstunden mit Steve gesichert.

Letzten Donnerstag war es dann soweit. Gänzlich ohne Erwartung, an das was kommen wird, an das, was “wir machen wollen” oder werden, betraten wir am frühen Nachmittag die romanische Halle des Clubs, den wir fast schon unser zweites Wohnzimmer nennen. Und dann betrat Steve die Romanik. Wer schon einmal Bilder von ihm gesehen hat weiß, dass er rein äußerlich jetzt nicht von furchtbar beeindruckender Statur ist. Ein mittelgroßer Mann jenseits der 60 mit grauem Pferdeschwanz in einem ausgewaschenem, taubenblauen Keiko-Gi, dem, begegnete er einem flüchtig bei Aldi in normaler Straßenkleidung, kaum jemand einen zweiten Blick widmen würde. Aber seine Präsenz füllte plötzlich den Raum, und wer die romanische Halle im Catonium kennt, weiß dass das eine ganze Menge Raum ist!
Begrüßung, vorsichtiges Abtatsten. “Guten Tag, wer seid ihr denn?” Er spricht leise. Man hört den Berliner Akzent noch, aber auch, dass er seit langem eher andere Sprachen spricht als Deutsch. Mit welchen Vorstellungen und Wünschen wir gekommen seien. Zack! Kalt erwischt! Ich habe mir ja eben keinen Wunschzettel vorbereitet. Meine Meinung war halt, man geht nicht einfach so zu Osada Steve Sensei und sagt “Hey, Steve, bring mir doch mal eben Teppo Zuri* bei!” Unangemessen. Zumal er ja gar nicht wissen konnte, welchen Wissens- und Fertigkeitsstand ich so habe.
Er wirft mir ein altes, völlig abgenutztes Seil zu. “Zeig mal, was du kannst.” Und Bäm, da war er wieder, der völlig überforderte Techniker! Ich nehme das Seil, platziere Nicole im Seiza vor mich, setze mich selbst im halben Lotus schräg hinter sie. Ich versuche uns beide irgendwie emotional einzufangen, öffne das Seil, streiche damit über ihre Arme und den Nacken. Das erzeugt oft schon die gewünschte Ruhe. Ich breche ihren Seiza, greife mir ein Handgelenk und fessele eine einfache Handschelle. Nicht, dass meine Hände irgendwie zittrig wären, so schlimm war das nun nicht. Aber normalerweise, wenn ich mit nur einem Seil gewissermaßen im Jiai-Freestyle herumfessele, läuft das Seil fast von alleine. Es zeigt mir, wo es langgeführt werden will. Heute? Fehlanzeige! Ich stelle mich fast an, als hätte ich noch nie ein Seil in der Hand gehalten. “Na großartig! Jetzt bist du der große Depp hier.” Sensei nimmt es äußerlich gelassen. Er unterbricht mich irgendwann. Lächelt, und fragt mich, ob ich eine bestimmte Einseiltechnik schon mal gemacht hätte, die wir in unserer Schule als “Begrüßungsfesseln” kennen gelernt haben. Ich bejahe. “Na dann zeige ich euch mal, wie das Original geht.” Also gewissermaßen Anfangen im Urschleim.
Was folgte, waren viele kleine Feinheiten, von denen ich wahrscheinlich nichtmal ein Fünftel behalten könnte! Aber es nimmt Fahrt auf. Wir gehen wieder auf den Boden. Body-Movement. Wie bewege ich mein Model? Vieles erinnert an Kinästhetik, ist also gar nicht mal so unbekannt, stammt aber mit Sicherheit aus dem Aikido. (Ob ich mich doch nochmal an dieser Kampfkunst versuchen sollte..?) Alleine die Möglichkeiten, den Seiza, also den traditionellen japanischen Sitz “im Knien auf den Fersen” so aufzubrechen, dass das Model in einem seitlichen Sitz landet, sind mannigfaltig. Nach und nach entwickelte sich ein Dialog zwischen Lehrer, Klassentrottel und Model. Mehr und mehr geriet die Technik vollständig in den Hintergrund. Immer mehr Emotionen und Hormone wurden freigesetzt. Tatsächlich war das dann wohl die intensivste Session bisher, und nach zweieinhalb Stunden “Unterricht” war das das Ergebnis:

(Fortsetzung folgt…)

*) Teppo Zuri ist eine immer wieder als unmöglich angesehene, aber in jedem Fall als viel zu risikobehaftet bewertete Hängebondage. Das sie möglich ist, sieht man schon auf dem im Beitragsbild abgebildeten Buchcover.

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